Gedanken zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Fast 44 Prozent der Wähler:innen in Sachsen-Anhalt haben einer Partei ihre Zweitstimme gegeben, deren Landesverband vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird. Einer Partei, die Menschen nach Herkunft sortiert, Minderheitenrechte angreift und demokratische Institutionen nach ihren Vorstellungen umbauen will. Ich halte den Begriff neofaschistisch dafür nicht für eine Übertreibung – und ich halte dieses Ergebnis für intolerabel.
Intolerabel heißt wohlgemerkt nicht illegitim. Die Wahl war demokratisch (weil die Kräfte, die geschworen haben, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, das Prüf- und anschließend das Verbotsverfahren gegen die #noafd verpennt haben), das Ergebnis ist anzuerkennen. Aber Demokratie verpflichtet niemanden, jede politische Entscheidung moralisch zu respektieren oder jede gewählte Partei als normale Mitbewerberin zu behandeln. Wer Demokratie auf das Abgeben und Auszählen von Stimmen reduziert, hat sie nicht verstanden. Zur Demokratie gehören gleiche Rechte, eine freie Öffentlichkeit, unabhängige Institutionen und der Schutz von Minderheiten vor der Mehrheit – und: nicht jede demokratisch gewählte ist eine demokratische Partei.
Das Ergebnis lässt sich nicht kleinreden. Die #noafd hat ihr Resultat von 2021 mehr als verdoppelt. Sie ist in allen 218 Gemeinden stärkste Kraft. Mit 39 von 83 Sitzen fehlen ihr nur drei Mandate zur absoluten Landtagsmehrheit, und das bei einer Rekordwahlbeteiligung von 77,8 Prozent. Niemand kann behaupten, eine schweigende demokratische Mehrheit sei zu Hause geblieben und habe den Radikalen versehentlich das Feld überlassen.
Ebenso Quatsch ist die Erzählung von der reinen Protestwahl. Natürlich spielten Unzufriedenheit, Enttäuschung und Wut eine Rolle. Doch die Analyse der Forschungsgruppe Wahlen spricht ausdrücklich von einem Gemisch aus Unzufriedenheit, Wertschätzung für die #noafd und inhaltlicher Überzeugung. Erstmals trauten viele Befragte ihr bei Wirtschaft und Bildung mehr Kompetenz zu als der cdU. Rund 170.000 frühere Nichtwähler:innen sowie etwa 83.000 ehemalige CDU-Wählende wechselten zur #noafd. Das ist kein Denkzettel. Es ist eine politische Entscheidung für den Rechtsextremismus.
Natürlich hat Sachsen-Anhalt reale Probleme: niedrige Löhne, demografischer Wandel, Lehrermangel, ausgedünnte Infrastruktur und Regionen, in denen Menschen seit Jahrzehnten den Eindruck gewinnen, politische Entscheidungen fielen weit entfernt von ihnen. Wer das ignoriert, überlässt die Enttäuschten denen, die daraus Ressentiment machen.
Aber Emotionen sind keine Fakten. Sie sind politisch wirksam, und wir müssen sie ernst nehmen. Aber sie beschreiben die Wirklichkeit trotzdem nicht automatisch richtig. Migration war eines der wahlkampfbestimmenden Themen, dabei liegt der Anteil ausländischer Staatsangehöriger im Land unter zehn Prozent und damit deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Die Zahl neuer Asylsuchender sank im ersten Halbjahr 2026 um etwa ein Drittel. Halten wir also fest: Ressentiment, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Auch das Bild eines immer gefährlicheren Landes hält den Zahlen nicht stand: 2025 registrierte die Polizei rund 11.400 Straftaten weniger als im Vorjahr. Zugleich erreichte die Aufklärungsquote den höchsten Stand seit 2012.
Trotzdem sagten 92 Prozent der AfD-Anhängerschaft, es gebe in SA zu viele Flüchtlinge. Das zeigt das Problem: Die AfD geht nicht nur auf (unbegründete) Ängste ein, sie erzeugt, ordnet und verstärkt sie. Sie bietet für komplexe Verhältnisse einfache Schuldige an: Geflüchtete, queere Menschen, vermeintliche Eliten, öffentlich-rechtliche Medien, Europa. Hier lohnt ein Blick ins Parteiprogramm zur Wahl: Wer der #noafd folgt, bekommt keine tragfähige Antwort auf Lehrermangel, Landflucht oder fehlende Busverbindungen. Er bekommt lediglich Feindbilder.
Die demokratischen Parteien (im Neofaschojargon „Altparteien“ oder „Kartellparteien“) haben dazu beigetragen, dass diese Strategie erfolgreich war. Die CDU hat sich halbiert. Wer angesichts dessen vor allem darüber spricht, den emotionalen Zugang zu den Menschen verloren zu haben, springt zu kurz. Es fehlte nicht nur an Kommunikation, sondern an glaubwürdiger Politik und einer erkennbaren Vorstellung von konkreten Verbesserungen für das Leben der Menschen. Zugleich haben demokratische Parteien immer wieder Sprache und Themen der #noafd übernommen. So schwächt man die extreme Rechte nicht. Man bestätigt ihre Diagnose und empfiehlt am Ende ungewollt, lieber gleich das Original zu wählen.
Dier alte Arroganz der Macht ist jetzt fehl am Platz. Wenn ein SPD-Spitzenkandidat 9,3 Prozent als Stabilität deutet, während eine rechtsextreme Partei auf 43,8 Prozent steigt, hat er das Ausmaß der Niederlage noch immer nicht begriffen. Die Antwort darf nicht in Beschwichtigung bestehen, und es gilt weiterhin: Wir brauchen bessere Politik, sichtbarer Präsenz vor Ort und unmissverständliche demokratische Grenzen.
Diese Grenzen gelten auch gegenüber den Wählenden. Erwachsene tragen Verantwortung für ihre Wahlentscheidung. Wer einer Partei seine Stimme gibt, die Migrant:innen ausgrenzt, Inklusion zurückdrehen, politische Bildung beschneiden und die freie Medienordnung angreifen will, kann sich nicht dauerhaft hinter Enttäuschung verstecken. Widerspruch ist keine Anmaßung. Abgrenzung ist kein Mangel an Dialogbereitschaft. Es gilt das Popper’sche Toleranzparadoxon.
Aber was tun? Natürlich fürchte ich mich. Menschen, die die #noafd zu Feinden erklärt (oder die auch nur in der Vergangenheit klar Stellung gegen sie bezogen haben), haben sehr konkrete Gründe dafür. Aber die Furcht hat nicht das letzte Wort. „Keine Angst“ heißt nicht, die Gefahr zu leugnen. Es heißt, sich von ihr nicht das eigene Handeln aus der Hand nehmen zu lassen.
43,8 Prozent sind wahrlich ein Grund zur Sorge. Aber sie sind kein Grund zur Kapitulation. Die Demokratie kann sich nicht selbst verteidigen. Also müssen wir tun es.
Wir können demokratischen Parteien beitreten und sie notfalls von innen heraus verändern. Wir können Kommunalpolitik machen, Gewerkschaften beitreten und lokale Bündnisse stärken, unabhängigen Journalismus bezahlen, bedrohten Menschen beistehen und im Alltag widersprechen, wenn sie wieder Gerüchten als Gewissheiten verkaufen und unsere Nachbarn zu Sündenböcke machen. Wir können Probleme benennen, ohne die Lügen zu übernehmen, die sich an sie heften.
Und zum guten Schluss noch ein Zitat, das meinen tiefsten Überzeugungen widerspricht, aber das zutrifft und das ich ausdrücklich teile:
„Wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst/Ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz.“
Quellen und Datenstand
• Forschungsgruppe Wahlen, Wahlanalyse Sachsen-Anhalt 2026
• MDR, Wahlergebnis und regionale Auswertung
• MDR, Reaktionen der Parteien
• MDR, Wählerwanderung im Wahlticker
• Tagesschau, Sachsen-Anhalt hinter den Zahlen
• Innenministerium Sachsen-Anhalt, Polizeiliche Kriminalstatistik 2025
• Deutschlandfunk, AfD-Pläne für die Schulen
Datenstand: 9. September 2026. Das amtliche Endergebnis lag zum Zeitpunkt der Abfassung noch nicht vor; angegeben ist das vorläufige amtliche Endergebnis.








