Treten Sie zurück, Frau Reiche!

„Ihre Exzellenz“ Reiche: so wird sie in der Konferenzbroschüre angepriesen
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Wirtschaftsministerin Katherina Reiche erklärt, sie habe an einem exklusiven Gipfeltreffen in Tirol, organisiert von ihrem Lebensgefährten, Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg, und dem ebenfalls abgehalfterte Politiker Sebastian Kurz, Ex Bundeskanzler von Österreich, „nicht in ihrer Funktion als Bundesministerin“ (offizielle Stellungnahme ihres Ministeriums) teilgenommen. Es habe sich nicht um einen Termin des Wirtschaftsministeriums gehandelt. Somit sei dies kein offizieller Anlass. Es bestünde also kein Grund zur Rechenschaft.

Das Problem: Dieses Narrativ hält der Realität nicht stand.

Denn inzwischen liegt die Gästeliste des Treffens vom 3. bis 5. Oktober 2025 mit dem Titel „Moving MountAIns“vor – und sie erzählt eine andere Geschichte. Eine, die deutlich macht, warum Reiche als Wirtschaftsministerin nicht haltbar ist.


Ein „privates Wochenende“ mit öffentlichen Interessen

Die beiden einladenden Politiker sind heute vor allem als Türöffner, Netzwerker und Geschäftsvermittler auftreten. 90 handverlesene Gäste nahmen an dem Gipfeltreffen teil. Sie sind alles andere als zufällig ausgewählt. Das war keine Grillparty unter Freunden, sondern Hinterzimmerpolitik reinsten Wassers.

Auf der Liste stehen milliardenschwere Unternehmer:innen, Energie-Manager:innen sowie Rüstungs- und Tech-Investor:innen. All das sind Menschen mit konkreten wirtschaftlichen Interessen, die direkt in den Zuständigkeitsbereich des Bundeswirtschaftsministeriums fallen.

Darunter finden sich unter anderem:

  • Zoltán Szalai, ein Orbán-Vertrauter aus der illiberalen Kaderschmiede MCC,
  • Auren Hoffman, ein enger Verbindungsmann von Peter Thiel, der erklärter Gegner liberal-demokratischer Ordnung ist und unter anderem mit der Palantir-Software zu tun hat,
  • Shalev Hulio, der Ex-CEO der NSO Group, verantwortlich für die Pegasus-Überwachungssoftware,
  • Rainer Seele, ein Manager, dessen Adnoc-Covestro-Deal, ein milliardenschweres Übernahme- und Investitionsprojekt, das Reiches Ministerium genehmigt hat,
  • sowie Marko Đurić, Außenminister von Serbien, das EU-Sanktionen gegen Russland unterläuft.

Alles rein privat natürlich. Aber warum legt Frau Reiche auf diese absurde Unterscheidung so viel Wert? Wer privat solchen Umgang pflegt, kann uns im Amt nicht vertreten.

Weil „privat“ in diesem Kontext bedeutet:

  • keine Protokolle
  • keinerlei Transparenz
  • keine parlamentarische Kontrolle
  • keine Auskunftspflicht
  • keine Journalist:innen (außer Paul Ronzheimer von BILD)

Sobald Reiche einräumen würde, dass dieser Termin dienstlich relevant war, müsste sie sich erklären – Auskunft geben, mit wem sie gesprochen hat, worüber und warum.

Also erklärt sie den Trip in die Alpen kurzerhand zum Privatvergnügen.

Das Parlament fragte nach, aber Reiche verweigerte die Antwort. Die Grünen nannten das zu Recht eine Täuschung des Parlaments.

Fast alle anderen Teilnehmer:innen reagieren ebenfalls nicht auf Medienanfragen oder lassen wissen, man werde keine Auskünfte erteilen. Dieses Schweigen spricht Bände.


Das Problem ist nicht Korruption

Man kann lange darüber streiten, ob hier juristisch bereits Korruption vorliegt. Das ist aber gar nicht der Kern des Problems.

Das wirklich Verstörende ist, dass ein solches Verhalten offenbar nicht einmal mehr als problematisch gilt, dass eine Bundesministerin es für akzeptabel hält, „privat“ Zeit mit Akteur:innen zu verbringen, deren Interessen sie beruflich regulieren, beaufsichtigen oder begrenzen soll – und sich anschließend auf Freundschaften und Freizeit beruft.

Politische Integrität beginnt nicht erst der Unterschrift unter einem Vertrag. Sie beginnt bei der Frage, in welchen Kreisen man sich bewegt wie ein Fisch im Wasser.

Wer privat Umgang mit erklärten Antidemokraten wie Peter Thiel und Konsorten pflegt, kann uns im Amt nicht glaubwürdig vertreten.


Die schleichende Normalisierung der Lobby auf der Regierungsbank

Das alles wäre an sich ja schon schlimm genug. Noch schlimmer ist jedoch das dröhnende Schweigen danach.

Korruption, Vetternwirtschaft, Drehtür-Mentalität und Inkompetenz als das neue Normal auf der Regierungsbank. Kanzler Merz hat sie ja schließlich berufen, die Gaslobbyistin.

Von und in der cdU überrascht das niemanden mehr. Es empört aber auch darüber hinaus kaum noch jemand. Es bleibt folgenlos – und genau so entsteht die Politikverdrossenheit, über die dann Politiker jeglicher Couleur wohlfeil in Talkshows jammern: nicht durch große Skandale, sondern durch die ständige Wiederholung kleiner Grenzüberschreitungen, die folgenlos bleiben.


Fazit

Katherina Reiche, die nicht verantwortungsvolle Ministerin, sondern Fossillobbyistin ist, muss in meinen Augen nicht zurücktreten, weil sie sich strafbar gemacht hätte. Sie muss zurücktreten, weil sie gezeigt hat, dass sie den Unterschied zwischen privater Nähe und öffentlicher Verantwortung entweder nicht versteht oder bewusst verwischt.

Beides disqualifiziert sie für das Amt einer Bundesministerin.

Denn wer „privat“ so denkt, handelt früher oder später auch politisch so.

Quellen:
https://fragdenstaat.de/artikel/exklusiv/2026/01/reiche-gaesteliste-alpentreffen/

https://fragdenstaat.de/anfrage/unterlagen-zum-moving-mountains/1070317/anhang/2025-12-23-ifg-bescheid-semsrott-zum-antrag-vom-14-11-2025_geschwaerzt.pdf

https://www.spiegel.de/wirtschaft/katherina-reiche-die-vollstaendige-teilnehmerliste-des-geheimtreffens-in-tirol-a-ac82340a-ff30-4193-931a-c4988c6a13e9

https://www.zdfheute.de/politik/reiche-ministerin-tiroler-gipfel-100.html

Aktiv-Rente: Die Gerechtigkeitslücke

Die sogenannte Aktiv-Rente, eine der Mogelpackungen, mit denen die gegenwärtige Regierung das grundlegende Scheitern unseres Rentensystems in den Griff bekommen möchte, soll nach Worten des Kanzlers ein Signal sein: Wer nach Erreichen des Rentenalters weiterarbeitet, den belohnt sie. Steuerfrei. Anerkennend. Motivierend.

Klingt vernünftig – bis man genauer hinsieht und feststellt, wer gemeint ist – und wer nicht.

Die Aktiv-Rente gilt nämlich ausschließlich für Menschen, die nach der Regelaltersgrenze sozialversicherungspflichtig angestellt weiterarbeiten.

Nicht für Selbständige.

Nicht für Freiberufler:innen.

Nicht für die, die ihr gesamtes Berufsleben außerhalb klassischer Angestelltenverhältnisse organisiert haben. Wäre das zu komplex?

Schlimmer noch: Sie greift auch dann nicht, wenn sie – wie viele von uns – seit Jahrzehnten über die Künstlersozialkasse (KSK) in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Monat für Monat. Verlässlich. Solidarisch.

Wie ich.


Gleiche Beiträge, geringere Anerkennung

Die KSK ist kein Sonderprivileg. Sie ist ein Konstrukt, das genau eines tut: Freiberufler:innen in das gleiche soziale Sicherungssystem einzubinden, das für Angestellte selbstverständlich ist.

Rentenversicherung.

Krankenversicherung.

Pflegeversicherung.

Wer über die KSK versichert ist, zahlt nicht „irgendwo ein“. KSK-Versicherte zahlen in dasselbe System, aus dem später auch die Rente kommt, und trotzdem sagt die Aktiv-Rente: Danke für jahrzehntelange Einzahlungen. Aber wenn du im Alter weiterarbeitest, zählt das nicht.

Das ist kein Randproblem. Das ist struktureller Ausschluss.


Worum geht es eigentlich?

Offiziell geht es um Demografie. Um den vielbeschworenen Fachkräftemangel. Um Erfahrung, die dem Arbeitsmarkt erhalten bleiben soll.

Inoffiziell wird aber etwas ganz anderes festgeschrieben: Anerkannte Erwerbsarbeit ist nur Angestelltenarbeit.

Freiberufliche Arbeit fällt durchs Raster. Nicht, weil sie weniger leistet, sondern weil sie nicht ins Verwaltungsmodell passt.

Besonders irritierend ist, wie offensichtlich wenig Verständnis für die Lebensrealität von Künstler:innen und Kreativen hier mitschwingt. Denn wer solche Gesetze plant, zeigt vor allem eines: Man kennt diese Arbeitsbiografien nicht – oder nimmt sie nicht ernst.

Seit Jahrzehnten lebt ein erheblicher Teil der kulturellen und kreativen Arbeit in Deutschland von Freiberufler:innen, die projektbasiert, unsicher und oft unter prekären Bedingungen arbeiten – und trotzdem zuverlässig in die sozialen Sicherungssysteme einzahlen. Dass die Regierung ausgerechnet diese Gruppe bei der Aktiv-Rente vollständig ausblendet, legt einen unangenehmen Schluss nahe: Kunst und Kultur gelten politisch als schmückendes Beiwerk, nicht als ernsthafte Erwerbsarbeit.

Wer so denkt, beweist weder Herz für Kunst noch ein echtes Verständnis für die Bedingungen, unter denen sie entsteht.


Das Problem mit der Gerechtigkeit

Wenn zwei Menschen:

  • die Regelaltersgrenze erreichen
  • jahrzehntelang in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben
  • und danach weiterarbeiten,

dann gibt es absolut keinen sachlichen Grund, den einen steuerlich zu belohnen und den anderen nicht.

Es ist keine Notwendigkeit. Es ist eine klare politische Entscheidung gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen.

Diese Entscheidung sendet ein fatales Signal an eine ganze Generation von Freiberufler:innen: Ihr seid gut genug, um einzuzahlen. Aber nicht wichtig genug, um mitgedacht oder gar berücksichtigt zu werden.


Fazit

Die Aktiv-Rente offenbar damit nicht etwa einen kleinen handwerklichen Fehler, sondern ein tief sitzendes Problem im politischen Denken über Arbeit.

Solange Selbstständige und KSK-Versicherte bei solchen Regelungen ignoriert werden, bleibt das Versprechen von Fairness hohl. Die Begründung dürfte ein widerwärtiger Mix aus Ideologie und mangelnder Realitätstauglichkeit der Herrschenden sein.

Wer ernsthaft möchte, dass Menschen länger arbeiten, Verantwortung übernehmen und Erfahrung weitergeben, muss alle mitnehmen, die das seit Jahrzehnten tun.

Alles andere ist ungerecht.

Ein Urteil wider das Vergessen

Tuvalu kämpft ums Überleben. Wir um den Erhalt des Status quo.

Funafuti, Hauptstadt von Tuvalu. Foto: Lily‑Anne Homasi / DFAT (2011), via Wikimedia Commons (CC BY 2.0)

Gestern schrieb ein kleiner Inselstaat in Ozeanien Geschichte: Tuvalu und eine Gruppe weiterer vom steigenden Meeresspiegel bedrohter Nationen errangen vor dem Internationalen Gerichtshof einen Etappensieg für das Klima. Der IGH bestätigte, was moralisch längst klar war: Staaten sind völkerrechtlich verpflichtet, ambitionierten Klimaschutz zu betreiben – nicht irgendwann, sondern auf der Stelle.

Ein Sieg für die, denen das Wasser bis zum Hals steht.
Ein Weckruf für die, die noch glauben, das alles gehe sie nichts an.

Hierzulande allerdings flackert die Nachricht höchstens mal kurz durch den Nachrichtenstrom, bevor sie wieder versickert – irgendwo zwischen EM-Aus der Frauen, Richterwahl-Debakel und „gefühlt normalem“ Sommer. Normal ist jedoch an diesem Juli 2025 gar nichts. Wir müssen aufwachen – nicht irgendwann, sondern auf der Stelle.

Hitze? Was für ein Zufall.

Wie gesagt: Es ist Juli 2025. Mannheim schwitzt. Ganz Deutschland schwitzt. Der Dürremonitor färbt sich tiefrot, die Freibäder platzen aus allen Nähten, die Äcker vertrocknen – und während wir kollektiv versuchen, durchzuhalten, mit Ventilator, eisgekühltem Minztee oder resigniertem Achselzucken – leugnen viele noch immer den Klimawandel.

Spoiler: Das was ihr grad merkt, das isser.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Wir leben wir in einem Land, in dem Millionen den Begriff „menschengemachter Klimawandel“ für noch immer wie eine Meinung behandeln. Wo Politiker:innen nicht nur von der zurecht auf dei Ersatzbank geschickten fdP von „Technologieoffenheit“ schwatzen (Gruß geht raus an Doro Bär), wenn sie eigentlich fossile Pfade meinen. Wo Wärme-, Verkehrs- und Agrarwende hinter Schlagworten und Machtspielen verschwinden.

Die derzeitige Behördenleiterin des BMWE, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie Katherina Reiche (CDU) präsentiert sich als „pragmatisch“ – was derzeit leider heißt: rückwärtsgewandt, konzernfreundlich, konfliktscheu. Unter ihrer Führung wurde der Solardeckel wiederbelebt, Windkraft an Land ausgebremst und das Heizungsgesetz bis zur Unkenntlichkeit entkernt. Statt Wandel zu gestalten, verwaltet sie Stillstand mit PR-Sätzen und arbeitet daran, Atomkraft als nachhaltige Energhie zu definieren.

Dabei ist nichts davon überraschend.

Schon 1972 veröffentlichte der Club of Rome seinen Bericht „Die Grenzen des Wachstums“. Er warnte vor Ressourcenübernutzung, exponentiellem Wachstum – und einer sich abzeichnenden Klimakrise. 1992 folgte „Die neuen Grenzen des Wachstums“, 2004 dann das 30-Jahre-Update zu den Berichten. Immer wieder dieselbe Botschaft: Wir wissen Bescheid, die Fakten liegen auf dem Tisch, doch wir tun trotzdem zu wenig. Auch der Weltklimarat IPCC spricht Klartext: Die Erderwärmung ist menschengemacht (IPCC-Sonderbericht „Global Warming of 1.5°C“ vom Oktober 2018).

Noch haben wir Handlungsspielräume. Aber sie schrumpfen rapide – und was sagt die Bundesregierung? Man setze auf „Innovationen“ und „Technologieoffenheit“. Klingt gut – meint aber oft nur: Wir behalten das Alte bei, solange es geht. Ein SUV, der E-Fuels fährt (also reine ), neu eingebaute Gasheizungen, die „wasserstoffready“ sind. Hauptsache, es klingt modern an. Tatsächlich sind diese Lösungen teils Science-Fiction, teils teuer und ineffizient – und vor allem Nebelkerzten, die von echten, einschneidenden Veränderungen ablenken. Empfehlenswert ist hier z. B. die Titelstory Die Mär von
grünen Kraftstoffen im DUHwelt-Magazin 1/24.

Wir leben mittendrin.

Wir duschen kürzer, trennen brav den Müll, der dann gemeinsam im Heizkraftwerk verfeuert wird, reden über grüne Apps – und versieglen fleißig weiter Böden. Hauptsache, der Strompreis stimmt (zumindewst für die Industrie), und das Tempolimit bleibt ein Tabu.

Es wäre wirklich zum Lachen, wenn es nicht so tragisch wäre.

Aber: Es ist noch nicht zu spät.

Wir brauchen nicht (nur) technische Lösungen, sondern gesellschaftliche Ehrlichkeit. Vor allem aber brauchen wir politisches Handeln, das endlich aufhört, den Planeten dranzugeben, damit der schönen Wirtschaft und den Dividenden nichts passiert. Nicht nur Klimaziele auf dem Papier, sondern einen klaren Bruch mit der Illusion, dass alles bleiben könne, wie es ist.

Wenn wir nichts ändern, wird sich alles ändern – und das wird nicht schön.


Quellen und weiterführende Links:

It’s Your Day … aber ein Tag reicht nicht

Der Kampf geht weiter – my 5 Cents zum Internationalen Frauentag

Feminismus à la Union

Heute ist der 8. März – Internationaler Frauentag. Ein Tag, um Stellung zu beziehen. Ein Tag, an dem ich mich als Verbündeter verstehe – als jemand, der nicht schweigt, nicht zusieht, sondern mitgeht, mitkämpft, mitfordert.

Ich stehe auf der Seite aller, die für Gleichberechtigung kämpfen. Das bedeutet erst mal zuhören, dabei lernen und dann die Stimme erheben. Dieser Kampf ist nicht nur einer der Frauen, sondern betrifft uns alle. Er macht unsere Gesellschaft gerechter, freier, soldarischer und menschlicher.

Wir alle stehen auf den Schultern derer, die vor uns für Frauenrechte gekämpft haben. Derer, die brannten. Derer, die auf Demonstrationen marschierten, obwohl ihre Füße bluteten. Derer, die schrieben, obwohl man ihnen die Finger brach und auch derer, die ihre Stimme erhoben, obwohl die Welt sie zum Schweigen bringen wollte.

Aber wir sind noch lange nicht am Ziel.

Denn solange Frauen in Deutschland weiterhin für die gleiche Arbeit weniger verdienen als Männer, obwohl es schlicht illegal ist, solange ihre Körper politische Verhandlungsmasse sind, solange Gewalt gegen Frauen systematisch verschwiegen wird, kann sich kein Mann, der auch nur einen Funken Empathie im Leib hat, zurücklehnen. Es reicht nicht, nicht Teil des Problems zu sein – wir müssen Teil der Lösung werden. Solidarisch, unnachgiebig, entschlossen und ungeteilt: Solidarität kennt keine Grenzen, keine Hautfarben, keine Identitäten, keine Geografie. Frauenrechte sind Menschenrechte. Nicht mehr, aber vor allem auch nicht weniger.

Von daher ist es und tut es natürlich gut, heute zu feiern – die bisherigen Errungenschaften (so unzulänglich sie oft auch sind), die Siege, die unerschütterliche Kraft, mit der Frauen überall auf der Welt für ihre Rechte eintreten. Aber morgen (na gut, spätestens Montag, okay?) müssen wir, um Heidi Reichinnek zu zitieren, zurück auf die Barrikaden. Worte müssen sich in Taten umsetzen, Empörung in Veränderung, Hoffnung in Realität.

Für die, die waren. Für die, die sind. Für die, die kommen.
Let’s shake that tree.

Geschichtsvergessen, verzweifelt – oder einfach nur unwählbar?

Willy Brandt während seines Kniefalls vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos in Warschau

Willy Brandts Kniefall in Warschau – der Grundstein erfolgreicher deutscher Ostpolitik

Ich bin kein Sozialdemokrat, aber jetzt langt’s. »In all den Entscheidungen der Nachkriegsgeschichte standen die Sozialdemokraten immer auf der falschen Seite«, sagte Armin Laschet, der cdU-Kanzlerkandidat, beim csU-Parteitag in seiner Rede.

Ich will keine lauen Entschuldigungen hören. Bleibt mir weg mit Wahlkampf. Bleibt mir weg mit Wasser bis zum Hals. Bleibt mir weg mit Verzweiflung angesichts des hausgemachten historischen Umfragetiefs.

Natürlich gibt es historische Fehlentscheidungen der SPD, etwa die Agenda 2010 – am schwersten wiegt aber der Fehler GroKo; als Wiederholungstat ist er tatsächlich schwer verzeihlich.

Das sagt der Mann, der widerrechtlich aufgrund eines Taschenspielertricks den Hambacher Forst räumen ließ, weil er eingestandenermaßen einen Vorwand braucht. Schließlich stand er bei der Kohlelobby im Wort. Doch es ist noch übler: Solche Worte aus dem Mund eines hochrangigen Politikers der Unionschristen zeigen, dass dort immer noch der Geist Strauß‘ und Filbingers herrscht, die den späteren Friedensnobelpreisträger Willy Brandt diffamierten, weil er Antifaschist war (!) und im Krieg auf Deutsche geschossen hatte (!!). Das, gepaart mit der Trump-Methode, einfach mal verbal irgendwelche völlig aus der dünner werdenden Luft gegriffene Behauptungen wie das obige Zitat in die Welt zu furzen, ist die politisch-gedanklich-argumentative Spannweite Armin Laschets.

Mehr wird nicht zu erwarten sein.

Wer den Mann wählt, tut es auf eigene Gefahr.

Heute Biedermänner. Morgen Brandstifter?

Hans-Georg Maaßen: Eklat-Video mit ihm aufgetaucht – „Rassismus gegen die  eigene Nation“ - derwesten.de

Niemand hat ernsthaft erwartet, dass Björn „Bernd“ Höcke mit seinem Misstrauensvotum gegen Bodo Ramelow heute im Thüringer Landtag Erfolg hat, nicht mal er selbst, wie er in einer Rede unmittelbar vor der Abstimmung zugibt. Es war vielmehr das, was die afD am besten kann: Politisches Schmierentheater mit ein bisschen Topfschlagen, Ramtamtam und braune Sau durchs Dorf treiben. Rechtsausleger-Kindergeburtstag eben – jede:r macht, was er/sie kann, und wer politisch nur deshalb nicht als Leichtgewicht zu bezeichnen ist, weil das ein Affront gegen allle Leichtgewichte wäre, macht halt Rabatz.

Aber das, was da so kleidsam braun durchs Alternativenblau leuchtet, ist nicht, was mit Sorgen macht – das enttarnt sich trefflich selbst, und der Thüringer Flügel-Stürmer, Faschist Höcke, ist so duchschaubar wie widerwärtig.

Was mich umtreibt, sind diese feigen Socken von der cdU. Unter dem Deckmäntelchen der Abscheu gegen die Linke – eine Partei, die in etwa die Politik macht, vor der uns die Unionschristen schon bei Willy Brandt bewahren wollten und damit aufgrund der Faktizität eigentlich endlich den Namen Sozialdemokratische Partei Deutschlands einklagen sollten – haben sie nicht mit abgestimmt.

Das heißt: Sie haben nicht gegen Björn Höcke als Thüringer Ministerpräsidenten gestimmt.

So, wie sie sich auch nicht von Maaßen distanzieren. (Dafür gibt’s bestimmt auch irgendeine brillante taktische Scheinbegründung).
So, wie sie das Thema Werteunion nicht aufräumen.
So, wie Amthor mit Faschisten fürs Selfie posiert.

Ein Foto mit Sprengkraft. Die beiden jungen Männer links und rechts von Philipp Amthor sollen der rechtsextremen Szene in Mecklenburg-Vorpommern angehören
cdU-Nachwuschshoffnung Philipp Amthor (mi.) beim Reitturnier mit dem Landsmann und Neonazi Thimo Hopfinger (l.)

Was ist da los, ihr Christen? Ist das Feigheit oder Wahlarithmetik? Bloß keine künftigen Koalitionsmöglichkeiten versauen?

Da hilft es auch nicht, dass der Thüringer Unionschrist Mario Vogt im Vorfeld der Abstimmung markige Worte findet – am Ende bleibt das Maulheldentum, folgenlos, ein laues Lüftchen.

„Brandmauern gegen Rechts“ gehen anders.

Keine Entschuldigungen

Süddeutsche Zeitung on Twitter: "Auf Twitter trendete zwischenzeitlich der  Hashtag #Laschetlacht. Der Pianist Igor Levit sprach von "würdelosem  Verhalten". Der frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter  Dabrock, kritisierte "Pietätlosigkeit ...
Quelle: Tweet der SZ

Sie sind von der Maus abgerutscht. Der Praktikant hatte Zugang zum Account. Sie waren betrunken. Oder einfach nur komplett empathielose Vollpfosten, wie der Herr oben.

Allen gemein ist: Sie möchten das Gesagte/Getane/Geschriebene einfach mit einer dürren Entschuldigung wegwischen. Das „Sorry, ey, is mir so rausgerutscht“ (oder etwas eloquentere Variationen davon) als großer Ungeschehenmacher. Aber ich meine: So geht das nicht.

Schon das Wort ist tückisch: ent-schuldigen. Im Ent-Sorgungspark werden wir unsere Sorge um den Atommüll los, beim Ent-werten den monetären Gegenwert unserer Fahrscheine und beim Ent-Schlacken irgendwelchen Kram im Körper, der mehr nach Kohleabfallprodukt klingt als nach etwas aus meinem Darm. Wir werden etwas los.

Beim Ent-schuldigen mithin: die Schuld. Voll bequem, nicht wahr? Und so easy! Das mediale „‚tschuldigung“, zumeist in Kombination mit mehr oder minder zerknirschter Miene und in variabel aufrichtigem Tonfall vorgetragen, als moderner Ablassbrief.

Aber nicht mit mir, Freund:innen. Ich bitte darum, dass wir alle hier etwas sensibler werden und den verbalen Unsinn nicht nachbeten. Man kann sich nicht selbst ent-schuldigen. Wer Schuld auf sich lädt, kann, um diese loszuwerden, lediglich eins: die Betroffenen um Verzeihung bitten. Wem das zu prätentiös klingt, der mag meinethalben auch um Ent-schuldigung bitten. Die Verletzten. Die Gekränkten. Die Be- und Getroffenen. Demut statt mannhaft-anmaßenden Selbstausderweltschaffens. Aber bitte immer im Wissen, dass das nicht mit einer Liefergarantie verbunden ist. Der Bitte um Ent-Schuldigung muss nicht entsprochen werden.

Um den Bogen zu Armin Laschet zu schlagen: Das hätte ihm gut angestanden – eine Bitte um Verzeihung an die Opfer der Überschwemmungen für sein dummes Feixen samt Zunge zwischen den Zähnen.

Aber: So wie viele bin ich zwar nicht nachtragend, aber ich vergesse wenig. Meine Verzeihung bekäme der feine Herr L. nicht.