Die Vernichtung einer Zivilisation und andere spontane Eingebungen


Fotocredit: Julia Demaree Nikhinson/AP/dpa

Es beginnt, wie es inzwischen oft beginnt: Mit einem Satz, der klingt, als hätte ihn jemand im Halbschlaf in ein Mikrofon gemurmelt – nur dass er diesmal von einem Präsidenten der Vereinigten Staaten stammt.

Die „Vernichtung einer Zivilisation“ stellt er in Aussicht. Nicht als Metapher. Nicht als Analyse etwas durch andere Geschehenen. Sondern als Handlungsoption mit Termin: Mitternacht, gestern.

Man sollte meinen, so ein Satz würde Konsequenzen haben. Zum Beispiel ein Amtsenthebungsverfahren. Oder vielleicht eine Debatte. Vielleicht sogar so etwas wie das Anheben von Erinnerung.

Stattdessen folgt ein Rückzieher. TACO. Trump always chickens out (was im speziellen Fall deutlich besser ist als FAFO: fumble around and find out).

Allerdings nicht im Sinne von: Ich habe einen Fehler gemacht. Sondern eher im Stil von: War nicht so gemeint – und wenn doch, dann anders.

Ein politischer Hütchenspielertrick, den wir inzwischen gut kennen: Erst maximal eskalieren, dann so tun, als habe man lediglich die Mikro-Lautstärke getestet.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen.

Wir sprechen hier nicht über einen besonders hitzigen Kommentar unter einem Facebook-Post. Es geht hier um den Mann, der Zugriff auf den größten Militärapparat der Welt hat – und ihn möglicherweise auch einsetzen würde.

Dieser Jemand spricht über die Auslöschung ganzer Zivilisationen, als würde er über eine Ein-Sterne-Bewertung bei Trivago nachdenken.

Genauso richtig ist natürlich: dass die USA aufs Völkerrecht scheißen, ist nicht neu.

Den Irakkrieg hat George W. Bush 2003 mit der Existenz von Massenvernichtungswaffen begründet, die sich später als … nun ja, schwer auffindbar erwiesen. Das Völkerrecht haben die USA schon damals eher als grobe Richtlinie behandelt.

Das Ergebnis war kein chirurgischer Eingriff, sondern der geopolitische Scherbenhaufen, der der Naher Osten heute ist.

Man hätte daraus etwas lernen können.

… Fahrradkette.

Stattdessen erleben wir heute eine politische Kommunikation, die wirkt, als hätte jemand vorsorglich den Filter zwischen kleinkindlichem Aggressions-Impuls und Aussage entfernt.

Drohgebärde. Relativierung. Weiter im Text.

The rhythm of US foreign politics.

Irgendwann stellt sich die Frage, die man eigentlich nicht stellen möchte: Ist das noch Strategie?

Oder ist es schlicht der Moment, in dem jemand einen Gedanken ausspricht, der besser unausgesprochen geblieben wäre – und ihn fünf Minuten später selbst schon nicht mehr ganz einordnen kann?

Ich maße mir keine medizinischen Diagnosen an. Aber ich stelle fest, dass die Grenze zwischen kalkulierter Provokation mithilfe nicht vertretbarer sprachlicher Ausfälle und völliger Unberechenbarkeit zunehmend an Schärfe verliert.

Das wäre schon im Alltag unerquicklich.

In der Weltpolitik ist es brandgefährlich, und schon gar von einem Mann wie Donald Trump, der leider nach wie vor nur über das Benimm- und Handlungsrepertoire eines Reality-Show-Hosts und Immobilien-Bankrotteurs verfügt.

Vielleicht ist das sogar der eigentliche Skandal.

Nicht dieser Satz. Nicht einmal die implizite Drohung mit der Bombe.

Sondern die Tatsache, dass wir uns allmählich an derlei gewöhnen.

Dass selbst die Idee, eine „Zivilisation zu vernichten“, inzwischen nur noch ein weiterer Eintrag im Nachrichtenstrom ist – kurze Empörung, rasches Vergessen, der Algorithmus regelt.

Die Geschichte kennt diese Dynamik.

Große Worte, kleine Korrekturen und irgendwann sehr reale Konsequenzen.

Allerdings ist Trump der erste demente Autokrat an der Spitze einer westlichen Nuklearmacht.