Nazis töten!

Ich habe für meinen Verlag, die StoryPunks, Eat the Reich übersetzt. Die erste Frage, die mir ein Interviewer dazu gestellt hat, war, ob das den okay sei, ein Rollenspiel im Zweiten Weltkrieg, dann noch dazu mit Vampiren als fantastisches Element …

Aber klar: Es macht schließlich Spaß, am Spieltisch Nazis zu töten.

Es ist nicht „interessant“. Es ist nicht „düster“. Es ist nicht „moralisch komplex“. Es macht Spaß.

Bei Eat the Reich geht es laut zu am Tisch. Die Beschreibungen sind gerne mal exzessiv. Körper gehen stilvoll in Stücke, man überantwortet Nazis elegant ihrer Vernichtung, und Szenen eskalieren in Tarantino-Gewalt. Eat the Reich handelt das Gemetzel nicht schamhaft ab, sondern zelebriert es.

Meiner Erfahrung zögert dabei niemand am Spieltisch. Niemand hält kurz inne, um sich ein paar wohlfeile moralische Gedanken zu machen. Niemand fragt, ob das gerade ein Eimer Gekröse zu viel ist.

Warum auch? Es sind Nazis.

Natürlich, genau da wird es unbequem. Nicht, weil das Spiel etwas falsch macht – sondern weil es im Gegenteil etwas sehr, sehr richtig macht.

Eat the Reich versteht, dass moralische Eindeutigkeit Endorphin pur ist. In einer medialen Landschaft, die uns permanent Grauzonen verkauft – Antihelden, gebrochene Figuren, „beide Seiten haben ihre Gründe“ –, wirkt dieses Spiel wie ein Befreiungsschlag. Keine Zweifel. Keine Ambivalenz. Keine Diskussion.

Eine klare Richtung. Eine bewusste Entscheidung, die funktioniert.

Denn natürlich ist die Gewalt hier choreografiert. In hohem Maße ästhetisiert. Politisch aufgeladen. Sie ist nicht Mittel zum Zweck, sie ist Teil der Spielerfahrung. Das Spiel will, dass die Spielenden die Gewaltszenen nicht nur beschreiben, sondern regelrecht auskosten, genießen, und es gibt ihnen den perfekten moralischen Freifahrtschein dafür.

Das Problem ist nicht, dass das Spiel dadurch politisch ist. Das Problem wäre, das Gegenteil zu behaupten.

Die Position „Das sind Nazis, also ist alles okay“ ist nämlich zu kurz gesprungen. Wenn Gewalt keine Reibung mehr erzeugt, wenn sie sich vollständig legitim anfühlt, wenn man sie nicht einmal mehr solche wahrnimmt, sondern nur noch als Stil, als Flow, als „cooler Moment“ — dann haben wir etwas verloren.

Nicht Moral, sondern Bewusstsein.

Zum Vergleich lohnt sich ein Blick auf Vampire: Die Maskerade, ein Spiel, das für mich durchaus die berühmte „life changing experience“ war und für das ich aktuell auch gerade wieder eine Chronik leid. Bei Vampire ist Gewalt immer auch ein Spiegel. Dabei ist man das Monster, und das Spiel zwingt die Spielenden, sich dazu zu verhalten. Das erzeugt Reibung, Zweifel, Schuld.

Eat the Reich tut das genaue Gegenteil. Es nimmt seinen Spielenden die Last der Reflexion ab – und ersetzt sie durch Tempo, Stil und Eindeutigkeit. Das ist aber aus meiner Sicht keine Schwäche, sondern eine künstlerische Herangehensweise, und zwar eine, die auf ihre Art am Spieltisch ebenfalls die Frage nach persönlicher Verantwortung stellt.

Denn die entscheidende Frage ist natürlich nicht, ob man Nazis töten darf. Die ist historisch, politisch und moralisch ziemlich eindeutig beantwortet.

Die interessantere Frage ist: Was passiert mit uns, wenn es sich so gut anfühlt? Wenn wir anfangen, Gewalt nicht nur zu akzeptieren, sondern zu genießen — selbst im „richtigen“ Kontext?

Die Antwort ist meiner Auffassung nach sehr einfach: dann sollten wir genauer hinschauen. Nicht, um uns den Spaß an solchen politisch unkorrekten (und zugleich absolut korrekten) Spielen zu verbieten. Sondern um zu verstehen, worauf dieser Spaß erwächst.

Denn Eat the Reich ist ja kein oder zumindest nicht nur ein Spiel über Gewalt. Es ist, wenn man auch nur um eine kurze Ecke denkt, auch ein Spiel darüber, wie leicht wir uns von ihr überzeugen lassen, wenn die richtigen Ziele auf dem Tisch liegen.

Die Vernichtung einer Zivilisation und andere spontane Eingebungen


Fotocredit: Julia Demaree Nikhinson/AP/dpa

Es beginnt, wie es inzwischen oft beginnt: Mit einem Satz, der klingt, als hätte ihn jemand im Halbschlaf in ein Mikrofon gemurmelt – nur dass er diesmal von einem Präsidenten der Vereinigten Staaten stammt.

Die „Vernichtung einer Zivilisation“ stellt er in Aussicht. Nicht als Metapher. Nicht als Analyse etwas durch andere Geschehenen. Sondern als Handlungsoption mit Termin: Mitternacht, gestern.

Man sollte meinen, so ein Satz würde Konsequenzen haben. Zum Beispiel ein Amtsenthebungsverfahren. Oder vielleicht eine Debatte. Vielleicht sogar so etwas wie das Anheben von Erinnerung.

Stattdessen folgt ein Rückzieher. TACO. Trump always chickens out (was im speziellen Fall deutlich besser ist als FAFO: fumble around and find out).

Allerdings nicht im Sinne von: Ich habe einen Fehler gemacht. Sondern eher im Stil von: War nicht so gemeint – und wenn doch, dann anders.

Ein politischer Hütchenspielertrick, den wir inzwischen gut kennen: Erst maximal eskalieren, dann so tun, als habe man lediglich die Mikro-Lautstärke getestet.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen.

Wir sprechen hier nicht über einen besonders hitzigen Kommentar unter einem Facebook-Post. Es geht hier um den Mann, der Zugriff auf den größten Militärapparat der Welt hat – und ihn möglicherweise auch einsetzen würde.

Dieser Jemand spricht über die Auslöschung ganzer Zivilisationen, als würde er über eine Ein-Sterne-Bewertung bei Trivago nachdenken.

Genauso richtig ist natürlich: dass die USA aufs Völkerrecht scheißen, ist nicht neu.

Den Irakkrieg hat George W. Bush 2003 mit der Existenz von Massenvernichtungswaffen begründet, die sich später als … nun ja, schwer auffindbar erwiesen. Das Völkerrecht haben die USA schon damals eher als grobe Richtlinie behandelt.

Das Ergebnis war kein chirurgischer Eingriff, sondern der geopolitische Scherbenhaufen, der der Naher Osten heute ist.

Man hätte daraus etwas lernen können.

… Fahrradkette.

Stattdessen erleben wir heute eine politische Kommunikation, die wirkt, als hätte jemand vorsorglich den Filter zwischen kleinkindlichem Aggressions-Impuls und Aussage entfernt.

Drohgebärde. Relativierung. Weiter im Text.

The rhythm of US foreign politics.

Irgendwann stellt sich die Frage, die man eigentlich nicht stellen möchte: Ist das noch Strategie?

Oder ist es schlicht der Moment, in dem jemand einen Gedanken ausspricht, der besser unausgesprochen geblieben wäre – und ihn fünf Minuten später selbst schon nicht mehr ganz einordnen kann?

Ich maße mir keine medizinischen Diagnosen an. Aber ich stelle fest, dass die Grenze zwischen kalkulierter Provokation mithilfe nicht vertretbarer sprachlicher Ausfälle und völliger Unberechenbarkeit zunehmend an Schärfe verliert.

Das wäre schon im Alltag unerquicklich.

In der Weltpolitik ist es brandgefährlich, und schon gar von einem Mann wie Donald Trump, der leider nach wie vor nur über das Benimm- und Handlungsrepertoire eines Reality-Show-Hosts und Immobilien-Bankrotteurs verfügt.

Vielleicht ist das sogar der eigentliche Skandal.

Nicht dieser Satz. Nicht einmal die implizite Drohung mit der Bombe.

Sondern die Tatsache, dass wir uns allmählich an derlei gewöhnen.

Dass selbst die Idee, eine „Zivilisation zu vernichten“, inzwischen nur noch ein weiterer Eintrag im Nachrichtenstrom ist – kurze Empörung, rasches Vergessen, der Algorithmus regelt.

Die Geschichte kennt diese Dynamik.

Große Worte, kleine Korrekturen und irgendwann sehr reale Konsequenzen.

Allerdings ist Trump der erste demente Autokrat an der Spitze einer westlichen Nuklearmacht.