Söder: Das absolute intellektuelle Minimum

Markus Söder, seines Zeichens bayrischer Ministerpräsident und Wendehals in Sachen politischer Selbstoptimierung mit aktuell sinkendem Stern, fordert (u. a. in seinem Facebook-Auftritt):

Was ist dazu zu sagen?

Die Grundsicherung (ehemals „Bürgergeld“ – BlackRot hat den Namen geändert wie weiland bei Raider zu Twix, sonst aber im Grunde … nix) ist verfassungsrechtlich dafür da, das menschenwürdige Existenzminimum zu sichern. Es ist also nicht so, als gäbe es über dem „verfassungsrechtlichen Minimum“ noch einen eindeutig abtrennbaren Luxusaufschlag, wie Söder wider besseres Wissen suggeriert.

Was Söder meint, ist: Der Gesetzgeber solle den Spielraum bei der Berechnung und bei Sanktionen maximal nach unten ausschöpfen. Aber das ist juristisch und praktisch deutlich komplizierter, als der Satz klingt.

Aktuell liegt der Regelbedarf für Alleinstehende 2026 weiterhin bei 563 Euro im Monat; dazu kommen angemessene Kosten für Unterkunft und Heizung sowie ggf. Mehrbedarfe. Die neue Grundsicherung ab 1. Juli 2026, für die sich BlackRot als Sozialreformer konservativen Zuschnitts feiert, verschärft vor allem Mitwirkungspflichten und Sanktionen, senkt aber den normalen Regelbedarf nicht.

Der entscheidende Punkt: Das Bundesverfassungsgericht sagt nicht einfach „563 Euro sind das Minimum“. Es sagt vielmehr: Der Staat muss das Existenzminimum realitätsgerecht, transparent und sachgerecht berechnen. Der Gesetzgeber hat dabei Spielraum, aber er darf nicht – was Söder hier tut – willkürlich sagen: „Wir brauchen Geld im Haushalt, also kürzen wir mal.“ Das Existenzminimum leitet sich aus Bedarfen her, nicht aus Sparwünschen einer ihren Aufgaben nicht gewachsenen Regierung.

Aber nehmen wir den Nürnberger Food Blogger mal kurz ernst, so schwer es auch fällt: Wie könnte man Söders Forderung umsetzen?

Erstens könnte man natürlich einfach die Berechnungsmethode ändern (so wie das Wohngeldproblem geklärt wurde, indem man einfach einem Drittel der Bezugsberechtigten die Bedürftigkeit aberkannte). Welche Ausgaben der ärmeren Vergleichshaushalte sollen als „regelbedarfsrelevant“ gelten? Darin liegt politischer Spielraum. Man könnte einzelne Positionen knapper ansetzen oder streichen (aber überlegt mal, wie weit ihr mit 563 Euro kommt). Dann müsste man allerdfings auch begründen, warum diese Ausgaben nicht zum menschenwürdigen Existenzminimum gehören.

Zweitens gibt es 2026 einen besonderen technischen Punkt: Nach der gesetzlichen Fortschreibung hätte sich rechnerisch für Alleinstehende ein niedrigerer Wert ergeben; wegen eines Besitzschutzes bleibt es aber bei den 563 Euro. Das BMAS erklärt, dass der errechnete Wert für 2026 bei 557 Euro lag, aber nicht abgesenkt wurde, weil der Besitzschutz verhindert, dass Leistungsbeziehende weniger erhalten als bisher.

Das wäre vermutlich der einzige konkrete Ansatzpunkt. Söder könnte sagen: Weg mit dem Besitzschutz, runter auf den errechneten Betrag. Das wären aber bei Alleinstehenden keine dramatischen Milliarden, sondern etwa 6 Euro im Monat pro Person in Regelbedarfsstufe 1.

Drittens kann die Politik natürlich über Sanktionen Druck erhöhen. Druck auf Schwache macht BlackRot ja ganz gern. Genau das passiert ja auch gerade schon mit der neuen Grundsicherung: Bei Pflichtverletzungen sind 30-Prozent-Kürzungen vorgesehen. Bei wiederholtem Nichterscheinen können Leistungen in letzter Konsequenz komplett entfallen, inklusive Unterkunftskosten (Obdachlosigkeit, wir kommen!). Die Koalition wollte damit nach eigener Darstellung das verfassungsrechtlich Erlaubte ausschöpfen. Herzlichen Glückwunsch und Grüße an den Nordpol der sozialen Kälte.

Aber: Das Bundesverfassungsgericht hat schon 2019 sehr klar gemacht, dass Kürzungen am Existenzminimum nur begrenzt zulässig sind und besonderer Begründung bedürfen (Spoiler: „Wir brauchen halt mehr Geld“ reicht nicht aus). Sanktionen dürfen nicht einfach Strafe sein. Sie müssen geeignet sein, Mitwirkung bzw. Arbeitsaufnahme zu erreichen.

Mein Eindruck: Söders Formulierung ist vor allem, wie so oft bei ihm, politisches Wortgeklingel. Sie klingt, als sei das Bürgergeld derzeit deutlich oberhalb des verfassungsrechtlichen Minimums und finanziere Menschen ein Lotterleben in Faulheit. Das ist aber nicht der Fall. Seriös wäre die Aussage erst, wenn er konkret sagt, welche Bedarfsposition er für überflüssig hält. Welche Berechnung ist falsch, Herr Söder? Welcher Betrag wäre Ihrer belegbaren Auffassung nach noch verfassungsgemäß? Ohne das bleibt „bis zum verfassungsrechtlichen Minimum“ eher eine Hohlphrase als ein belastbares Konzept.

Wenn der dicke Paladin die Welt rettet

Meine StoryPunks-Kollegin Mel wurde gebeten, übernächstes Wochenende beim Hügel-Con in Tübingen einen Workshop zum Thema Rollenbilder im Fantasy-Rollenspiel zu machen. Dadurch ausgelöst habe ich mir dazu und zu angrenzenden Themen ein paar Gedanken gemacht.

Fantasy ist ja ein merkwürdiges Genre. Einerseits behauptet sie, alles sei möglich: fliegende Städte, sprechende Schwerter, Götter, die unter Bergen schlafen, Reiche jenseits des Todes sowie Magie vermittels Blut, Sternenlicht oder Musik. Andererseits sehen viele Fantasywelten erstaunlich ähnlich (oder kritischer formuliert: wenig variantenreich) aus, sobald man genauer hinschaut.

Der alte Magier ist weise. Die junge Frau ist wunderschön. Der Krieger ist muskelbepackt. Die Heil-Priesterin ist sanft. Der König ist wichtig qua Geburt. Jede Behinderung ist ein Fluch, eine Tragödie oder eine magische Prüfung. Alte Menschen kommen nur als Ratgeber oder Hindernisse vor. Dicke Menschen wie ich sind gemütlich, gierig oder lächerlich (oder alles drei). Queere Figuren gibt es entweder nicht, oder sie erklären sich auffällig oft über ihre Queerness. Wer nicht weiß ist, kommt schnell aus „exotischen“ Ländern mit Gewürzen, Seide und geheimnisvollen Blicken.

Natürlich ist nicht jede einzelne dieser Tropen automatisch falsch. Klischees sind nicht deswegen problematisch, weil sie einmal auftauchen (dann wären sie auch kein Klischee). Das Problem liegt in ihrer Häufung. Darin, dass sie sie zur unsichtbaren Prämisse einer Welt werden. Schwierig wird es, wenn Fantasy Drachen erfinden kann, aber keine alte Abenteurerin mit Gehstock, keinen dicken Paladin, keinen nichtbinären Hofmagier, keine schwarze Königin, keinen alleinerziehenden Vater mit Schwert, keine behinderte Diebin, deren Körper keine Heilung bedarf, damit ihre Geschichte zählt.

Die entscheidende Frage ist nicht: „Haben wir genug Vielfalt eingebaut?“. Sie lautet vielmehr: Wer darf in einer Fantasy-Welt wichtig sein?

  • Darf eine Figur Macht haben, ohne jung und schön zu sein?
  • Darf eine Frau grausam, komisch, feige, genial oder mittelmäßig sein, ohne dass das gleich als Aussage über alle Frauen gelesen wird?
  • Darf eine queere Figur einfach Teil der Welt sein, ohne dass ihre Existenz zum exotischen Sonderplot wird?
  • Darf ein behinderter Körper kompetent, anziehend, gefährlich oder alltäglich sein?
  • Darf ein Mensch mit BMI >40 ein Held sein, ohne dass das Narrativ sein Gewicht zuerst erklärt, entschuldigt oder Witze darüber macht?

Gute Repräsentation entsteht nicht durch Checklisten. Sie entsteht durch den Blick auf Agency oder, um den Anglizismus zu vermeiden, Handlungsmacht, Würde und Normalität.

  • Agency/Handlungsmacht bedeutet hier: Figuren dürfen Einfluss auf die Welt nehmen. Sie treffen Entscheidungen. Sie machen Fehler. Sie retten anderen den Arsch. Sie scheitern. Sie haben Wünsche. Sie sind nicht nur Symbol, Opfer, Deko oder Lektion.
  • Würde bedeutet: Eine Figur ist nicht bloß Trägersubstanz für ein bestimmtes narratives Merkmal. Ihre Hautfarbe, ihr Geschlecht, ihr Alter, ihre Behinderung, ihre Herkunft oder ihr BMI dürfen relevant sein, aber sie sind nicht alles. Ein Mensch ist/hat nie nur ein Thema.
  • Normalität bedeutet: Manche Dinge bedürfen keiner Erklärung. In einer Welt, in der Drachen normal sind, muss nicht jede queere Person eine gesellschaftliche Debatte auslösen. In einer Welt voller Magie muss nicht jeder behinderte Körper automatisch ein Problem darstellen. In einer Welt mit fünf Götterpantheons darf es mehr Familienformen geben als Vater, Mutter, Erbsohn, zu verheiratende Tochter.

Gerade Rollenspiel-SL haben hier eine besondere Chance. Sie müssen nicht erst ein ganzes Romanuniversum schreiben. Oft reicht es, Neben-NSC anders zu denken. Die erfahrene Söldnerhauptfrau ist bereits Mitte sechzig. Der prominenteste Barde des Reiches ist kleinwüchsig. Der Baron lebt mit seinem Mann und dessen Kindern aus erster Ehe zusammen. Die anerkannteste Schmiedin der Stadt hat nur einen Arm. Der fette Priester ist nicht gierig, sondern mutig, sehr eitel, klug und vielleicht ein bisschen rachsüchtig. Die Ork-Großmutter ist keine billige Pointe, sondern die Person, die den Respekt aller im Dorf genießt.

Solche Setzungen müssen nicht laut sein. Hauptsache, sie sind da. Das ist oft sogar wirksamer. Denn eine Welt verändert sich nicht nur durch große politische Manifeste, sondern durch die beiläufige Frage, wer selbstverständlich vorkommt.

Das heißt nicht, dass Fantasy „woke“ werden muss (obwohl ich keinerlei Probleme mit diesem Begriff habe) und nur noch Utopien erzählen darf. Ganz im Gegenteil. In spannenden Welten gibt es Diskriminierung, Vorurteile, Machtmissbrauch und Konflikte. Aber es ist ein Unterschied, ob eine Welt Diskriminierung thematisiert – oder ob das Narrativ sie unbewusst perpetuiert. Es ist ein Unterschied, ob ein Charakter unter einer grausamen Ordnung leidet oder ob das Narrativ der betroffenen Figur selbst weniger Würde zugesteht.

Spielrunden kann man an drei einfache Prüf-Fragen messen:

Wer genießt in meiner Welt automatisch Respekt?
Sind es immer dieselben Körper, dieselben Stimmen, dieselben gesellschaftlichen Rollen?

Wer muss sich erklären, ehe er oder sie handeln darf?
Welche Charaktere müssen sich dafür rechtfertigen, dass sie mächtig, schön, klug oder wichtig sind?

Wer darf einfach sein?
Welche Menschen sind ein selbstverständlicher Teil der Welt, ohne dass ihre Andersartigkeit ein Problem, ein Geheimnis oder einen Abenteueraufhänger darstellt?

Vielfalt engt Fantasy nicht ein. Sie bereichert sie. Sie nimmt niemandem den edlen Ritter, den Drachen, den alten Zauberer oder die schöne Prinzessin weg. Aber sie ergänzt sie durch andere Figuren, und plötzlich gibt es mehr Geschichten. Mehr Kontroversen. Mehr Gesichtspunkte. Mehr Möglichkeiten, sich oder andere in einer Welt wiederzufinden, die doch angeblich grenzenlos ist.

Vielleicht ist das der eigentliche Zauber guter Fantasy: nicht Ursula K. LeGuins Eskapismus-Gedanke, also dass sie uns von der Wirklichkeit wegführt, sondern dass sie uns zeigt, wie viel größer Wirklichkeit sein könnte.

Nicht jede Heldin muss jung und schön sein.

Nicht jeder Krieger muss hart wie Kruppstahl sein.

Nicht jeder Körper muss heil sein.

Nicht jede Liebe bedarf einer Erklärung.

Nicht jede Macht muss in denselben Händen liegen wie früher.

Die wichtigste Frage beim Weltenbau lautet deshalb vielleicht nicht: „Was ist hier magisch?“, sondern: Wer darf hier eine Geschichte haben?